Point of no Return

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Der Navigator ist ein schlaues Wesen, er wusste schon bevor wir den ersten Kilometer gefahren sind, weit bevor wir Humphrey nach Südamerika verschifft haben, dass in Peru der Punkt erreicht sein wird, an dem es kein Zurück mehr geben wird. So kam es dann auch.

Nachdem wir die abenteuerliche Überfahrt über den Titicacasee hinter uns gebracht hatten, fing es an zu regnen, wurde dunkel und wir stellten fest, dass die lieben Peruaner nicht so viel anders Autofahren als die Bolivianer. Wir waren dann super happy, ein nettes Hotel direkt am Titicacasee zu finden. Nach einem sehr langen und aufregenden Tag – wir befinden uns noch immer an dem Tag, an dem wir aus La Paz herausgefahren sind – waren wir einfach glücklich über eine warme Dusche und eine warme Mahlzeit, die für uns gekocht wurde. Wir befanden uns zwar noch immer im Kampf mit den zwei kaputten Navigationsgeräten von Garmin, aber irgendwann in der Nacht war dann auch der Ärger verflogen. Am nächsten Tag haben wir uns dann auf den Weg in das Heilige Tal der Inka, das sogenannte Sacred Valley, gemacht, dem Zentrum des großartigen Inkareichs.

Wir waren noch immer auf dem Weg, an den Ort anzukommen, an dem wir wieder eine Pause einlegen wollten. Auf dem Weg dorthin, während wir so durch das Sacred Valley eierten, fiel uns auf, dass wir total übersättigt sind. Wir hatten in den letzten Monaten so viele Eindrücke gesammelt, dass einfach kein Platz mehr da war, neue aufzunehmen. Wie das aber so ist mit den Erkenntnissen, die müssen erst mal sacken, und dann muss man schauen, ob sie auch wirklich wahr sind. Von daher haben wir uns unzählige Festungen der Inka angeschaut und haben jede Menge über die Inka und das Inkareich gelernt. Darüber, wie ausgeklügelt ihre Anbaumethoden waren, wie riesig das Inkareich auf seinem Höhepunkt war, dass Túpac, bevor er ein Rapper und dann erschossen wurde, erst ein Inkaführer war, und natürlich dass die guten Christen, diesmal aus Spanien kommend, mal wieder ganze Arbeit geleistet haben. Jeder Inkatempel wurde platt gemacht und dann wurde erstmal ein richtiges Gotteshaus draufgesetzt, eine Kirche. So wie sich das für gute Christen eben gehört.

Ebenso ist dem Fahrer aufgefallen, dass er keine Lust mehr hatte, Auto zu fahren. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir ungefähr 13.500km auf der Uhr. Dabei sind wir 144 Höhenkilometer auf- und 137 Höhenkilometer hinuntergefahren. Das ganze bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25km/h, sprich wir haben, natürlich auch mit dem einen oder anderen Stop, ca. 550 Stunden damit verbracht, mit Humphrey von A nach B zu fahren. Wenn man aufgrund des Verkehrs, wie in Bolivien und in Peru, nicht mehr in der Lage ist, die Landschaft zu genießen, durch die man fährt, sondern sich auschließlich auf den Verkehr konzentrieren muss und dabei im Sacred Valley bei jedem Dorf – also ständig – mindestens vier Bodenschwellen überfahren muss, und manchmal Bodenschwellen auch einfach so auf der Straße kleben, ohne dass ein Dorf in Sicht ist, dann macht Autofahren irgendwann keinen Spaß mehr. Dann ist das nicht mehr Reisen, sondern fühlt sich an wie Berufsverkehr in der Heimat, und der ist bekanntermaßen spaßbefreit.

Wir waren dann aber doch endlich in unserem kleinen Häuschen angekommen. Hier wollten wir die nächsten zwei Wochen verbringen, um zur Ruhe zu kommen und ein wenig Platz zu schaffen für neue Eindrücke. Wie üblich hat das nicht ganz so geklappt. Wir haben also den Hummeln in unseren Hintern nachgegeben und sind durch das Sacred Valley gehoppelt. Neben den Ruinen, sind wir von einem Markt zum anderen gelaufen, von Souvenirshop zu Souvenirshop. Das Sacred Valley ist definitiv touristisch erschlossen. Nach einer Weile stellt man fest, dass man sich zwar an unterschiedlichen Orten befindet, aber das, was angeboten wird, überall das Gleiche ist. Dies allerdings in einem unglaublichen Ausmaß – was wiederum Beleg dafür ist, wieviel Tourismus hier herrscht.

Soweit wir das konnten, haben wir probiert, vor den Strömen unterwegs zu sein. Also immer dann, wenn alles Geführte beim Essen ist bzw. die Meute sich noch nicht versammelt hat. Das hat auch ganz gut geklappt. Der einzige Nachteil war, dass wir ein wenig im hiesigen Berufsverkehr unterwegs waren, was zu dem einen oder anderen Nervenzusammenbruch des Fahrers geführt hat. Wenn man das aber mal außen vor lässt, ist das Sacred Valley ein wirklich schöner Ort. Es gibt unglaublich viel zu sehen, es ist bunt, mal abgesehen von den Ruinen, und es gibt eine unglaubliche Auswahl an verschiedenen Kartoffeln. Es soll über 5000 verschiedene Arten in Peru geben. Verrückt. Die Landschaft in Peru ist wunderschön, urig und während unserer Zeit vor Ort haben sich Regengüsse und Sonne die Türklinke in die Hand gegeben. Nicht zu vergessen, Babyalpacas sind extrem knuddelig.

Als letztes „Großereignis“ auf unserer Tour durch das Sacred Valley stand dann natürlich Machu Picchu auf dem Plan. Die Touristenattraktion schlechthin, genau unser Ding, aber was macht man nicht alles, um es auch einmal gesehen zu haben. Vorweg, es lohnt sich, selbst wenn man eigentlich keinen Platz mehr hat es aufzunehmen. Es ist einfach sehr beeindruckend. Doch der Reihe nach. Eine Variante, nach Machu Picchu zu kommen, ist zu Fuß. Das bedeutet man geht den Inka Trail, für den man sich aber Monate vorher schon anmelden muss, da er streng limitiert ist. Das heißt aber bei Weitem nicht, dass man dann alleine in der Natur unterwegs ist. Im Gegenteil. Das ganze geht natürlich nur in einer Gruppe, geführt, mehrere Tage, mit den gleichen Menschen. Die Alternative ist, mit dem Zug zu fahren, wofür wir uns entschieden haben.

Das macht man natürlich auch nicht alleine. Ob man will oder nicht, man ist eingebettet in eine einzigartige Maschinerie. Der Höhepunkt der Zugfahrt ist eine Modenschau der Schaffner in einem jeden Wagen. Natürlich mit der anschließenden Möglichkeit „Mode“ zu erwerben. Am Ende der Zugfahrt kommt man in eine Stadt, die ausschließlich aus Hotels, Restaurants, Souvenirshops und Märkten besteht. Da muss man dann vom Bahnhof aus zur Bushaltestelle durchlaufen, ein bisschen so wie Laufwege in modernen Flughäfen, nur eben nicht modern. Der Bus fährt einen dann 20 Minuten über Serpentinen hoch zur eigentlichen Attraktion. Das Ganze ist also eine einzige Prozession hoch nach Machu Picchu. Ob man will oder nicht, man kann sich dem nicht entziehen. Wenn man dann endlich oben angekommen ist, darf man sich noch einen Führer aussuchen, weil ohne den darf man nicht hinein. Wir hielten den ganzen Führern stand, die sich anbiederten, und schauten uns nach der coolsten Socke um, die auf einer Mauer saß und so aussah, als ob sie am wenigsten Lust hat zu arbeiten: Odhy. Auf ihn fiel dann unsere Wahl, die, wie sich herausstelle, eine gute war. Wir waren dann endlich da. Und während es den ganzen Tag ordentlich geregnet hat, stach dann sogar die Sonne hier und da durch die Wolken.

Machu Picchu wurde niemals fertiggestellt. Die Spanier kamen dem zuvor. Das Besondere an diesem Ort ist, dass die Inka Machu Picchu verlassen haben, bevor die Spanier kamen. Sie trafen diese Entscheidung, um den Ort zu schützen, um zu verhindern das die Spanier Machu Picchu ebenso zerstören wie die meisten anderen Inkastätten. Danach geriet Machu Picchu in Vergessenheit. Es war zu abgelegen, viel zu schwierig zu erreichen und der Regenwald trug seinen Teil dazu bei, die Stätte verschwinden zu lassen. Bis am Anfang des 20. Jahrhunderts der Archäologe Hiram Bingham Machu Picchu wieder an das Tageslicht der Welt brachte.

Falls sich irgendjemand wundern sollte, warum auf den Bildern kaum Menschen zu sehen sind, dann liegt es daran, dass wir uns bewusst entschieden hatten in dem komplett überteuerten Hotel direkt am Eingang zu nächtigen, um die Möglichkeit zu haben, so lange wie möglich in der Anlage zu verweilen. Es war ein wunderschöner Abend und mit jeder Minute, die wir mit der untergehenden Sonne in der Anlage verbrachten, verschwanden mehr und mehr Menschen. Bis wir mit den paar wenigen Gleichgesinnten alleine waren, die den Anblick genauso genossen haben wie wir.

Am nächsten Morgen sah die Welt komplett anders aus. Heerscharen von Touristen waren schon weit vor Öffnung der Anlage zum Sonnenaufgang am Eingang. Es regnete, alle waren in bunte Capes eingehüllt und als dann die Tore öffneten, strömten die bunten Männchen hinein und verteilten sich wie ein Virus überall. Dies hatte nichts mehr mit dem majestätischen Anblick zu tun, den wir am Abend zuvor genießen durften.

Die Inka haben Machu Picchu verlassen, den Traum ihres Reiches mussten sie aufgeben. Sie haben den „Point of no Return“ erreicht. Auch wenn wir unter wesentlich angenehmeren Umständen unterwegs waren und uns keiner an den Kragen wollte, hatten wir hier ebenso diesen Punkt erreicht.  Wir haben unseren Traum, bis nach Kolumbien zu fahren, aufgegeben.

Das ganze verlief nicht ohne Schmerzen, wir mussten uns aber eingestehen, dass wir nicht mehr wirklich konnten. Wir waren zu diesem Zeitpunkt seit 99 Tagen unterwegs. Hätten wir uns entschieden, weiter nach Norden zu fahren, hätten wir 50% der uns noch zur Verfügung stehenden Tage im Auto gesessen und wären aller Voraussicht nach mit einer Durchschnittgeschwindigkeit von 50 km/h vorangekommen. Das Ganze bei einer Infrastruktur, die nicht wirklich viel besser werden würde und mit einem Sack voller Eindrücke, in dem kein Platz mehr für Neues war. Von daher entschieden wir uns umzudrehen, zurück nach Chile zu fahren und Humphrey wieder von dort aus zurück nach Deutschland zu verschiffen, wo für Humphrey alles began.

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