The White Continent

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Vorbemerkung: Da man mit seinem eigenen Fahrzeug nicht in die Antarktis fahren kann, haben wir Humphrey nicht mitgenommen. Leider. Noch viel schlimmer, wir mussten in einer Gruppe reisen. Wir haben also in den sauren Apfel gebissen, und während Humphrey auf der San Clemente durch den Panama-Kanal gen Pazifik schipperte, schipperten wir in einer Gruppe von ca. 250 Personen auf der National Geographic Explorer Richtung Antarktis.

Wir haben das Erlebte noch nicht wirklich verarbeitet und vielleicht werden wir das auch nie, denn das Erlebte war schlicht und einfach surreal.

Da ist zum einen die unbeschreibliche Schönheit der Antarktis und die sie umgebende Mystik, das eigentliche Ziel des Unterfangens. Dazu gehört natürlich eine Crew, die mehr als hilfsbereit war, zusammengewürfelt aus aller Herren Länder, an dessen Spitze ein deutscher Kapitän mit derbem Humor stand, als auch ein Expeditionsteam, angeführt von der Expeditionsleiterin samt aller Naturalisten, die ihren unglaublichen Erfahrungsschatz und ihr Wissen eingebracht haben, und zum anderen eben diese 148 anderen Gäste, die, nun ja, Teil des Erlebnisses waren.

Daher kann ich nicht nur von der Antarktis selbst berichten, obwohl ich das am liebsten möchte. Ich möchte davon schwelgen, wie unnahbar sie ist, wie sie einem immer wieder mit ihrer Vielfalt überrascht. Wie viele verschiedene Formen von Eis es gibt. Wie viel Leben in ihr steckt. Wie unglaublich viele verschiedene Formen von Phytoplankton existieren und dass es Kunstwerke aus eben diesem Phytoplankton gibt. Davon welche Bedeutung die Antarktis und das sie umgebende Klima für die Ozeane unserer Erde hat.

Ich möchte von Gletschern erzählen. Welche Geräusche sie machen, wenn sie kalben, welch majestätische Schönheit sie haben, wie groß sie sind und wie unglaublich viele Gletscher es hier unten gibt. Ich möchte jedem empfehlen die Dokumentation Chasing Ice zu schauen, die von der Entwicklung einiger Gletscher in den letzten Jahrzehnten per Timelapse-Videos berichtet. Wir haben sogar eine der Kameras gesehen, die im Rahmen des Chasing Ice-Projekts an einem der Gletscher aufgestellt ist.

Ich möchte davon erzählen, welche Geschichten die Antarktis geschrieben hat: Fünf Mitglieder von Nordenskjölds schwedischer Antarktis-Expedition 1901 haben zwei Winter, einen geplanten und einen ungeplanten, auf Snow Hill verbracht. Das Schiff, das sie abholen sollte, wurde, nachdem es den Erebus und Terror Golf durchfahren hat, im Anschluss in der Weddell-See vom Eis zerdrückt und die Crew rettete sich über das Packeis auf Paulet Island und überwinterte in einer einfachen Hütte, bevor sie letztendlich gerettet wurden.

Ein ähnliches Schicksal widerfuhr Shackletons Expedition 1914, deren Schiff ebenso vom Eis in der Weddell-See zerdrückt wurde. An all diesen Orten waren wir, und trotz der Tatsache, dass wir auf einem hochmodernen Schiff mit allem erdenklichen Komfort waren, hat man vor Ort, sei es am Bug des Schiffs stehend oder beim Landgang, ein Gefühl dafür bekommen, wie sich diese Abenteuer angefühlt haben müssen, weil sich an der Urgewalt der Natur in der Antarktis auf den ersten Blick seitdem nicht wirklich viel verändert hat.

Ich möchte davon berichten, dass man mitten in der arktischen Nacht aufwacht, in der es nicht mehr dunkel wird, und aus Neugier nicht anders kann als aufzustehen, aus dem Fenster zu schauen.  Und man plötzlich auf haushohe Eisberge schaut, an denen das Schiff vorbeifährt. An Schlafen ist dann erst einmal nicht mehr zu denken.

Ich will davon erzählen, dass ich stundenlang am Bug des Schiffes ausharrte, obwohl ich durchgefroren war und meine Zehen vor Kälte schmerzten, ein Gefühl dass ich das letzte mal als Kind hatte, als man alles wollte, nur nicht nach Hause, sondern draußen bleiben, um zu erleben. Dass ich mich nicht daran satt sehen konnte, wie der Bug des Schiffs durch das Eis brach und große Brocken Eis sich mit einem dumpfen metallischen Gong gegen die Schiffshülle bemerkbar gemacht haben, den das ganze Schiff hören konnte. Dass der Kapitän das Schiff punktgenau vor einer Eisscholle parkte oder gar den Bug des Schiffs auf Grund fuhr, um ruhig zu parken.

Oder wie cool es ist, wenn das Schiff in Festeis fährt, (Eis welches dünn genug ist, damit das Schiff es durchdringen kann und dick genug, damit man das Eis betreten kann.) Und man dann im Wahn der Flucht vor den Massen, vor der offiziellen Ansage (dazu später mehr) in den Mud Room geht, um möglichst als erster das Foto zu schießen – also ein Verhalten an den Tag legt, das getrieben von den Massen und alles andere als cool ist.

Und ich möchte natürlich von den tausenden Pinguinen berichten, die den Menschen nicht als natürlichen Feind kennen und von daher auch keine Scheu vor ihm haben, von den vielen verschiedenen Walen die wir gesehen haben, von Killerwalen, die um und unter dem Schiff hindurch einen Pinguin gejagt haben, den Seelöwen, den Vögeln. Einfach unbeschreiblich.

Ich möchte natürlich auch von der Drake Passage erzählen, die kein Lake aber auch kein Shake war. Zumindest nicht für uns. Es ist aber trotzdem lustig, wenn das Schiff 24 Stunden lang durch vier bis fünf Meter hohe Wellen fährt, und dies natürlich bei dem einen oder anderen nicht ganz ohne Wirkung bleibt. Davon wie der Kapitän, 30 Jahre auf See, mit relativ derbem Humor auf die zimperlichen Wehwehchen der Gäste reagiert hat und wie es sich anfühlt, wenn man die Drake Passage hinter sich lässt und das erste mal nach eineinhalb Tagen wieder Land sieht.

Und ich möchte davon erzählen, wie unglaublich diese Erfahrung für uns war, wie es uns erfüllt hat und wie schwierig es ist, all diese vielen Eindrücke zu verarbeiten, so dass sie am Ende zu Glück werden. Wie es einfach unmöglich ist, sie in Worte zu fassen, wie absolut ausgeschlossen es ist, sie in einem oder mehreren Fotos wiederzugeben.

Nur davon möchte ich eigentlich erzählen, aber ich muss auch, damit hier kein falscher Eindruck entsteht, von dem „Leben“ an Bord erzählen. Wie schon erwähnt, waren wir nicht alleine an Bord des Schiffes. Die Crew samt des Expeditionsteams machte ca. 100 Personen aus, dazu kommen noch 148 andere Gäste. Die Crew an Bord war einfach super, freundlich, zuvorkommend und die Besuche auf der offenen Brücke waren definitiv ein Highlight. Vor allem die lustigen Unterhaltungen die wir mit den Offizieren Finn, ebenso ein deutsches Fischbrötchen wie der Kapitän, als auch mit Magnus hatten, seines Zeichen Schwede. Das Expeditionsteam als auch die Guest Speaker waren ebenso super-beeindruckend. Sie lieferten einen unglaublichen Schatz an Wissen und Erfahrung. Um nur einige zu nennen: Eric Pohlman, den man aufgrund seines Naturells sofort in sein Herz schließen musste, der insgesamt 20 Jahre Erfahrung in der Antarktis hatte und einige Jahre lang dort Forschungsstationen leitete, der sicherlich wie kein Zweiter weiß, wie es ist, in der Antarktis zu leben. Jared Berg, der Taucher an Bord, der für uns regelmäßig die Unterwasserwelt in der Antarktis dokumentiert hat und nicht still stehen kann. Jasper Doest, National Geographic Fotograf, der schon bevor wir an Bord gegangen waren, mein Mitleid erweckt hatte, weil er vollgepackt war mit Kameras und Objektiven und den ganzen Kram schleppen musste. Dr. Conor Ryan, der mit seinem rollenden irischen Akzent alles über Vögel und Wale erzählen konnte, was man evtl. im Leben mal wissen muss. Sue Perin, die Expeditionsleiterin, die wie schon erwähnt mit ihrer sanften sonoren Stimme, als wäre man in einer Yoga-Klasse, jeden Morgen die Meute aus den Betten zum Frühstück bat.

Das was National Geographic und Lindblad Expeditions den Gästen an Bord an Wissen und Erfahrung zur Verfügung gestellt hat, ist phänomenal und sicherlich einzigartig, wenn es um Expeditionen für normal Sterbliche in die Antarktis geht. Und dann waren da die 148 anderen Gäste und das surreale „Leben“ an Bord.


Copyright by Jasper Doest Photography

Jeder der uns kennt, weiß, dass wir alles andere als die Typen sind, die gerne auf eine Gruppenreise gehen. Reisen mit Humphrey ist das genaue Gegenteil, möglichst autark, selbstbestimmt, fernab der Zivilisation, mitten in der Natur, soweit das bei der Masse an Menschen auf unserer blauen Kugel überhaupt noch möglich ist. Daran hat sich auch nichts geändert.

Man muss sich das Leben an Bord ein wenig wie im Knast vorstellen. Auch wenn das jetzt dem Einen oder Anderen ein wenig übertrieben vorkommt, nach ein paar Tagen fühlt man genau das. Es fängt damit an, dass in dem Moment, in dem man das Schiff betritt, man nicht mehr Herr seines Tagesablaufs ist. Nicht nur das: Die Summe an Entscheidungen, die man noch selbst treffen kann, ist recht überschaubar. Gleich zu Anfang wird einem gesagt, was man darf und was nicht und dass man den Anweisungen der Crew, bzw. der Naturalisten (also den Wächtern) folgen soll. Außerdem wurden wir in Gruppen eingeteilt. Man muss der Fairness halber sagen, dass wir die Gruppe wählen konnten. Wir wählten Gruppe 4. Ein Tagesablauf sah dann ungefähr folgendermaßen aus: Morgens um 7:30 Uhr wurden wir von der Gefängnisoberaufseherin über den Knastfunk in unserer Zelle geweckt, mit der Info von wann bis wann es Frühstück gibt und was die erste Aktivität des Tages ist. Kurz nach dem Frühstück, so gegen 9 Uhr, mit einer Vorlaufzeit von 15 Minuten wurde dann per Knastfunk der genaue Ablauf der folgenden Aktivität kundgetan. Dies ist dann für die 1. Gruppe zugleich der Countdown, in 15 Minuten im Mud Room aufzukreuzen, der Raum von dem aus man das Schiff bei Landgängen oder Zodiac-Touren verlässt und wieder betritt. Wenn dann die erste Gruppe abgefertigt wurde, wurde Gruppe 2 aufgerufen usw. Natürlich wurde der Fairness halber die Reihenfolge der Gruppen rotiert, man will ja keine Meuterei. Wenn man dann selbst an der Reihe war, ging es runter in den Mud Room, dort dann Stiefel anziehen, die Schwimmweste hatte man schon in der Zelle angelegt, und dann Anstellen zum Abtransport für den eineinhalbstündigen Landgang. An Land angekommen, wird einem erzählt, wie man aus dem Zodiac auszusteigen hat. Ohne Händchenhalten geht gar nichts, man könnte ja ausbüchsen. An Land darf man dann die Schwimmweste ablegen und sich im abgesteckten Bereich – markiert mit orangen Pylonen – „frei“ bewegen. Der sogenannte Hofgang, aber bitte schön an die Regeln halten.

Wenn man nicht schon wieder freiwillig vorher zurück in den Knast gefahren ist, wurde man nach Ablauf der Zeit von der Insel befördert. Kaum zurück auf dem Schiff, wurde über den Knastfunk das Mittagessen avisiert. Also alle los zum Mittagessen. Während der Magen noch dabei ist, Teile vom Buffet zur Verdauung vorzubereiten, kommt die nächste Ansage über den Knastfunk: In 15 Minuten gibt es den nächsten Vortrag. Also schnell von der Zelle in den Gemeinschaftssaal, um den Vortrag anzuhören. Man könnte ja etwas verpassen. Man möchte doch Teil der Gruppe sein. Im Knast will man nicht auffallen, das könnte nach hinten los gehen. Nach dem Vortrag ein bisschen Pause, Kaffee und Kuchen einschaufeln, man könnte ja verhungern. Nach Kaffee und Kucken ein paar Minuten Pause. Doch der Knastfunk knackt schon wieder. Wale auf Steuerbord. Alles auf zum Bug. Die Insassen trotten also zum Bug, um Wale zu schauen.

Kaum hat sich die Meute satt gesehen, da knackt es schon wieder über den Knastfunk. Ein Seelöwe auf Backbord. Kaum den Seelöwen gesehen, ertönt der Knastfunk schon wieder: Nächster Vortrag. Aufgrund der Sichtungen am Nachmittag fällt die folgende kleine Pause aus. Der Knastfunk verkündet, dass es in 15 Minuten die tägliche Zusammenfassung, den sogenannten Recap, gibt. Den Insassen wird noch einmal erzählt, was sie alles gesehen haben. Die Gefängnisleitung probiert hier auch, das eine oder andere mal lustig zu sein. Die Insassen sind zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr Herr ihrer selbst und begießen das mit einem Cocktail, Longdrink oder Glas Wein. Die Gefängnisküche hat Häppchen bereitet und jeder Insasse, der nicht zugreift, wird argwöhnisch angeschaut. Und das Beste: Direkt nach dem Recap des Tages gibt es das Abendessen. Womit dann, wenn nicht wieder etwas vor dem Bug des Schiffes erscheint, die Ansagen für den Tag ein Ende finden. Der Insasse begibt sich in seine Zelle und ist froh, in ihr zu sein. Endlich ein wenig Ruhe zu haben. Wenn dem Insassen noch nicht nach Schlafen ist, geht er zum Gefängnisdirektor oder einem seiner Stellvertreter auf die Brücke und unterhält sich mit ihm darüber, wie es so ist, jahrelang Gefängnisdirektor zu sein.

Es hat einen Moment gedauert, bis wir uns dieses Zustands bewusst wurden. Wir haben dann auch die zur Verfügung gestellte orange Knastkleidung besser verstanden: Nicht nur eine Methode, etwaige Ausbrecher sofort zu identifizieren, sondern sowohl den Insassen als auch der Außenwelt zu demonstrieren, dass dies hier eine homogene Einheit ist, ohne natürlich zu erwähnen, dass keiner sich vorab darüber im Klaren war, auf was er sich einlässt.

Und die anderen Insassen? So wie das immer ist in einer Gruppe, wie in jeder Schulklasse, in jedem Verein. Alle Typen und Rollen sind besetzt: Es gibt den, der immer lustig sein will. Den, der alles wiederholt. Die, die andauernd Fragen stellt, wenn schon alle gehen wollen. Den, den keiner mag. Den Außenseiter, den Verrückten und den Vollidioten. In dem Fall der Präsident der Flat Earth Society, der doch ernsthaft auf einem Schiff von National Geographic mit einem Wissenschaftler am Tisch die Behauptung aufgestellt hat, dass der Klimawandel durch Abstimmung beschlossen worden sei und nicht durch Fakten. Vollidioten halt.

Und so wie das in jedem Knast ist, mit einigen kommt man gut aus, mit anderen gar nicht und mit einigen schließt man Freundschaft. Vor allem mit denen, die genauso unschuldig im Knast sind, wie man selbst.

Es waren zwei Wochen in denen wir mit Eindrücken und Erfahrungen torpediert wurden. Würden wir es noch mal machen? Auf alle Fälle! Würden wir uns noch mehr auf die Natur konzentrieren und die Gruppendynamik ignorieren? Mit Sicherheit!

Ich könnte noch Vieles mehr erzählen und berichten, doch irgendwann muss auch einmal Schluss sein.

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8 Gedanken zu “The White Continent

  1. Sehr cooler Bericht und Wahnsinnsfotos – musste einige Male beim lesen schmunzeln. Wäre sehr gerne dabei gewesen!

    Happy new year and safe travels. Viele neidische Grüße aus der Heimat!

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