Epic Patagonia

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Eine Million Quadratkilometer, zwei Einwohner pro Quadratkilometer. Also drei mal so groß wie Deutschland und vor allem 229 Einwohner pro Quadratkilometer weniger. Es ist also leer in weiten Teilen dieses sagenumwobenen Patagonien, welches sich im Süden Argentiniens und Chiles befindet. Für uns also Wohlfühlland.

Verteilt über diese 17 Breitengrade findet sich eine gewaltige Vielfalt an Flora, Fauna und verschiedensten geologische Formationen. Das Ganze begleitet von jeglichem vorstellbaren Wetter. Innerhalb von Minuten kann die Temperatur von 25 auf 15 Grad sinken, die Sonne verschwindet hinter dunklen Wolken, Sturmböen kommen auf, Regen – und fünf Minuten später fragt man sich, ob irgendetwas war. Die Sonne kommt wieder raus, ein Regenbogen erscheint am Himmel und man verbrennt wieder in der Sonne. Das Einzige was bleibt ist der Wind. All das entlang einer Straße. Der Ruta 40. Mehr als 5000 Kilometer Asphalt, Schotter oder das was davon übrig blieb.

Doch der Reihe nach. Zuerst war das Ganze eine ziemlich grüne Angelegenheit im Parque Nacional Nahuel Huapi und irgendwie bei weitem nicht so episch wie wir uns das vorgestellt haben. Wir haben uns natürlich unsere Gedanken gemacht, wo wir entlang fahren wollen, was wir sehen wollen und dann haben wir darüber natürlich auch ein wenig gelesen. Wenn dann alle erzählen, dass die Ruta de los Siete Lagos total toll ist, schaut man es sich an. Da wir aber verdorbene Weltenbummler sind, sind wir nicht mehr so leicht zu beeindrucken. Hübsch war es trotzdem, aber eben nur hübsch.

Es gab sogar einen Fluss, der dem in sich befindlichen Wasser die Wahl stellte, in den Pazifik oder in den Atlantik zu fließen. Süß. Wobei ich mir nicht so sicher bin, ob das Wasser wirklich weiß, auf was es sich da einlässt. Ist der Fluss das Wasser oder das Flussbett der Fluss? Ei oder Henne?

So langsam wurde es dann ein wenig, ein klein wenig episch. In der Ferne waren richtige Berge zu sehen und zu dem Grün gesellte sich dann noch die Patagonische Zypresse oder auch Alerce genannt. Eine von nur zwei Baumarten die im Washingtoner Artenschutzabkommen gelistet sind. Wir sind beeindruckt.

Nach dem Abstecher in den Parque Nacional Los Alerces, ging es dann wieder zurück auf die Ruta 40 und plötzlich, so ganz plötzlich, wurde es wirklich episch. Ganz plötzlich waren all die Menschen verschwunden und das Land wurde weit. Aus dem Asphalt wurde Asphalt mit Schlaglöchern, dann wurden es Schlaglöcher mit Asphalt und irgendwann wurde es konsequent und wir waren endlich auf der Schotterpiste.

Als wir dann noch in dieser Einöde zu den Cueva de las Manos fuhren und sich plötzlich vor uns ein grünes Tal auftat, waren wir endgültig begeistert. Weltkulturerbe. Die ersten Handabdrücke sind irgendwas um die 12.500 Jahre alt und sind damit nur wenige tausend Jahre entstanden, nachdem der südamerikanische Kontinent vom Menschen überhaupt besiedelt wurde. Wir waren uns zwar anfangs nicht sicher, ob ein Abstecher zu den Höhlen wirklich lohnenswert ist, waren dann aber sehr happy, den Umweg gefahren zu sein. Nicht nur wegen der Ruta 41 von und zu den Höhlen, auch wegen der Liebe, die in die Präsentation und Erhaltung der Stätte gesteckt wird. Ein besonderer Ort, an dem unseren Vorfahren über Jahrtausende gelebt und sich verewigt haben. Das hat was, das spürt man.

Als dann die Sonne sank, auch wenn sie das hier im Süden sehr langsam macht, wir eine Abkürzung über die Ruta 29 fuhren und die Steppe in gelbes Licht tauchte, war die Welt und wir in ihr nahezu perfekt. Es gibt Weniges, was uns mehr befriedigt, als diese Stimmung, dieses Licht. Wenn wir mit Humphrey durch diese Einöde fahren, der warme Wind uns streichelt, wir anhalten, aussteigen, nichts hören außer den Wind und ganz für uns allein in der Natur sind. Großartig, wild, in Frieden.

Weiter ging es dann nach Süden, in das Hiking-Mekka Parque Nacional de los Glaciares mit dem Fitz Roy, inklusive Gürteltier und jeder Menge Touristen in ihren Mietwagen, die auf dem schlimmsten Part der Ruta 40, welche weder Buckelpiste, noch Schotterpiste mehr war, um ihre Mietwagen fürchteten und Humphrey mitteilen wollten, nicht mit 80 km/h über die Piste zu fliegen. Doch Humphrey kann nicht anders. Das ist sein Terrain, hier ist er zu Hause. Hier fliegt er förmlich über alles und jeden hinweg.

Auch wenn dieses Mekka von Menschen nur so überrannt wird und es im Parque Nacional Torres del Paine noch viel schlimmer wurde, waren wir total im Reinen mit uns. Die Landschaft ist im wahrsten Sinne episch und man kann nicht anders, als alle paar Meter anzuhalten, auszusteigen, einen Hügel hochzurennen, die Aussicht zu genießen, sich in den Wind zu legen, einzuatmen, zu grinsen und die majestätische Szenerie zu genießen. Wir wollen das hier am liebsten einpacken und mit nach Hause nehmen, um immer wieder mal einen Blick hineinzuwerfen, das Gefühl zu spüren.

Dann war da noch der Wind, nach dem sich alles ausrichtet. Mal dein Freund und Helfer, wenn dir die Sonne den Pelz verbrennt und er dich kühlt. Mal dein erbitterter Gegner, wenn er dir entgegen bläst und man die doppelte Kraft aufbringen muss um überhaupt vorwärts zu kommen. Mal dein Feind, wenn er dir die Tür aus der Hand reißt, die Straßenkarte aus Humphrey klaut, um sie mit ein wenig Glück ein paar Meter weiter irgendwo wieder einsammeln zu können. Mal dein Peiniger, wenn er dir die Beine abtrennen möchte, indem er die Hintertür von Humphrey zu bläst, während du deine Beine aus Humphrey baumeln lässt. Mal dein nerviger Begleiter, der den Kaffeepot umkippt, oder einfach die Müslischale in der Tür zerquetscht. Die Liste kann man beliebig fortführen, unterm Strich war er eine lustige Begleiterscheinung, denn Wetter ist eben nun mal einfach Wetter.

Natürlich sind wir die Berge rauf und runter gelatscht, mit den Massen, doch dazu gibt es einen eigenen Post, der noch mehr von dieser wunderbaren Landschaft zeigen wird.

Wir hatten dann in Puerto Natales unseren südlichsten Punkt der Reise mit Humphrey erreicht und sind die Ruta 40 wieder nach Norden zurückgefahren. Um dann wieder auf die Ruta 41 abzubiegen, diesmal Richtung Chile. Auch hier hoch zum Paso Roballos wurden wir wieder vollends mit Einsamkeit und einer unglaublichen Szenerie beglückt, türkisblaue Seen eingebettet in rauhe Berglandschaften, Berge voller Kupfer und ausgetrocknete Lagunen, in denen dann man auch mal stecken bleiben kann. Aber was kümmert das Humphrey? Da wird dann der Spaten rausgeholt, ein paar Steine unter die Reifen gelegt, die Kupplung ein wenig belastet und schon geht es weiter.

Das war jetzt mal eine recht kurze Zusammenfassung von über 3.500 Kilometern durch Patagonien. Eine Auflistung von ein paar Highlights, die unsere Erfahrung nur schwerlich wiedergeben können. Am liebsten würden wir viel ausführlicher berichten, noch mehr Bilder zeigen, aber wir sind so dermaßen mit dem Erleben beschäftigt, mit dem Verarbeiten von diesem, dass viel zu wenig Zeit, viel zu wenig Abstand vorhanden ist, um alles entsprechend zu reflektieren und zu würdigen. Wir sind gerade sehr satt und sehr glücklich.

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4 Gedanken zu “Epic Patagonia

  1. Es ist wunderbar, euch begleten zu können und die Bilder lassen mich neidisch werden. Ich lese dennoch weiter und freue mich auf die nächste Station :). AHOI

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